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Was Mobbing mit uns machen kann...
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Was Mobbing mit uns machen kann...

Eine neue Studie zeigt: Mobbing wird immer mehr. Wir beleuchten die Hintergründe, schauen darauf, was Mobbing mit Betroffenen macht und was helfen kann.

Veröffentlicht: Mittwoch, 21.01.2026 14:00

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Die Studie wurde vom Bündnis gegen Cybermobbing durchgeführt. Alle vier Jahre befragen die Experten Leute deutschlandweit und aus allen Altersgruppen zum Thema Mobbing. Und die Zahlen sprechen für sich: Über zwei Drittel hatten schon mal mit Mobbing zu tun - als Opfer, Täter oder Schlichter. 37 Prozent waren schon mal Opfer von Mobbing. Das sind fast 13 Prozent mehr als bei der letzten Befragung. Besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene. Mobbing passiert auch häufig im Job - oft sogar durch den eigenen Chef. Aber grundsätzlich gibt es laut den Machern der Studie kaum noch einen Lebensbereich, der von Mobbing verschont bleibt. Auch Cybermobbing legt richtig zu: Beleidigungen und Stress im Netz sind um fast 22 Prozent gestiegen. Zur Studie geht es hier.

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Warum wird mehr gemobbt?

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Die Frage sei, ob Mobbing wirklich zunimmt oder ob sich einfach mehr Leute trauen, ihre Erfahrungen zu teilen, sagt Psychologin Sabine Zimmerling aus Düsseldorf. Auch der Begriff des Mobbings sei relativ offen und könne deswegen zu der Annahme führen, Mobbing sei mehr geworden. Zwar hat die Studie folgende Definition vorgelegt:

"Unter Mobbing verstehen wir, wenn eine Person gezielten und systematischen Angriffen wie Anfeindungen, Schikanierungen oder Diskriminierungen ausgesetzt ist, die wiederholt auftreten und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken."

Dennoch gebe es immer Interpretationsspielraum, wenn es darum geht, was als Anfeindung oder Schikanierung verstanden wird, so Zimmerling. Im Arbeitskontext verwende man auch oft den Begriff "Konflikt". Das findet sie allerdings problematisch:

"Das ist nochmal ein ganz wichtiger Punkt - es ist von einem Machtungleichgewicht gekennzeichnet. Das bedeutet: Es gibt immer eine Täter-Opfer-Konstellation. Und Mobbing-Opfer - und ich benutz jetzt hier mal wirklich den Begriff Opfer - können in der Regel diese Situation nicht alleine klären. Häufig wird ja von Lehrern oder auch von Vorgesetzten gesagt: 'Klärt das mal unter euch, geht mal ein Bier trinken, setzt euch mal zusammen.' Das funktioniert in einer Mobbing-Konstellation nicht. Ich kann keinem Opfer sagen: 'Setz dich doch mal mit dem Täter zusammen und klärt das doch mal.'"

Beim Cybermobbing, also dem gezielten Beleidigen und Belästigen im Internet, sieht Sabine Zimmerling allerdings das Potenzial, dass das wirklich zugenommen hat. Denn Menschen würden vor allem mobben, weil sie dadurch ihr eigenes Selbstwertgefühl aufwerten können. Im Netz gebe es da mitterweile mehr Möglichkeiten:

"Ich hab zum Beispiel ne pubertäre Tochter, also ich bin da ganz gut im Thema. Stellen Sie sich mal vor, Sie finden jemanden in Ihrer Klasse irgendwie nicht so toll und sprechen mit Ihrer Freundin oder Ihrem Freund drüber und der sagt: 'Ja, ich find auch, der oder die ist wirklich komisch!' Wenn Sie keinen Raum haben, in dem Sie das äußern können, außer Sie zwei zusammen alleine auf der Toilette, dann wird das nicht so schnell öffentlich. Und dann wird es der Betroffene vielleicht auch nie erfahren. Wenn Sie aber die Gelegenheit haben, sofort das Ganze bei TikTok, bei Instagram, in meiner Generation vielleicht auch noch bei Facebook zu posten, dann ist es in der Welt. Und dann kann es sowohl der Betroffene sehen als auch andere, die vielleicht zustimmen, die vielleicht mitkommentieren, die vielleicht zu Ihnen stoßen als mobbende Gruppe."
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Mobbing am Arbeitsplatz - eine Betroffene berichtet

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Mobbing am Arbeitsplatz ist laut der Studie vom Bündnis gegen Cybermobbing grundsätzlich weniger geworden, hat aber immer noch einen hohen Anteil. 49 Prozent der Betroffenen gaben an, schon mal vom eigenen Chef gemobbt worden zu sein. So auch Evelyn (Name wurde geändert, um die Anonymität zu wahren). Sie lebt im Rhein-Kreis Neuss. Jahrelang haben ihre Chefs sie mit Arbeit überschüttet, sie unberechtigt kritisiert, irgendwann kamen noch persönliche Angriffe dazu. Besonders belastend waren für sie die Personalgespräche:

"Wo man vorgeführt wird. Wo man gar nicht normal angesprochen wird. Und es wird teilweise in der dritten Person von einem gesprochen. Man wird wie eine Aussetzige, eine Lügnerin behandelt", erinnert sich Evelyn.

Sie verlor das Gefühl, dazuzugehören. Und das nachdem sie jahrzehntelang in diesem Unternehmen gearbeitet hat. Die 66-Jährige hatte sich jeden Tag gefragt, warum ihr das passiert ist. Erst als sie länger krank war, kam ihr der Gedanke, dass das etwas mit ihrem Alter zu tun haben muss. Angefangen habe das Ganze nämlich erst, als ihre Chefs sie gefragt hatten, wann sie plant, in Rente zu gehen. Ihr Plan sei gewesen, ihren Job bis zum Renteneintrittsalter durchzuziehen. Innerhalb des Unternehmens habe sie auch keine Hilfe bekommen - weder von Arbeitskollegen noch vom zuständigen Betriebsrat. Die Folge: Evelyn wurde depressiv, hat nichts und niemandem mehr vertraut und hat kaum noch das Haus verlassen.

"Wenn man so lange in einer Firma tätig ist, dann fühlt man sich ja irgendwie wie zuhause. Als wenn man zuhause überfallen wird. Und dabei kennt man sogar noch die Täter. Und die laufen frei rum, werden hoch bezahlt, ehrenvoll verabschiedet. Und das Opfer muss dann sehen, wie es mit diesen ganzen Folgen leben kann."

Sie habe dann aber einen Weg für sich gefunden - indem sie vor drei Jahren eine Selbsthilfegruppe gegründet hat. Ihr helfe es, anderen zuzuhören. Sie habe dadurch gemerkt, dass sie aus ihrer eigenen Ohnmachtssituation etwas schaffen konnte, wo andere einen Nutzen von haben. Gegenseitig könne man sich aufbauen und unterstützen. Und das brauche sie aktuell auch. Denn wie sie uns verraten hat, steckt sie in einem Gerichtsverfahren gegen ihren Arbeitgeber.

"Also ich hab immer Widerstand geleistet. Dadurch dass ich den Mobbern Erschwernisse entgegensetze, verhindere ich auch gewissermaßen das Mobbing."
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Hilfsangebote und Lösungsansätze

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Was hilft? Eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Denn viele Betroffene seien aus Scham gar nicht bereit, zuzugeben, dass sie gemobbt werden, sagt Psychologin Sabine Zimmerling. Gerade unter Kindern sei es heute schwierig, Mobbing überhaupt zu erkennen, weil sich der Umgangston stark verändert habe. Beleidigungen würden heute zum Sprachgebrauch dazu gehören, die Grenzen zwischen ernsthaften Beleidigungen und Beleidungen aus Spaß würden immer mehr verwischen. Umso mehr müssten Außenstehende - also Eltern, Lehrer, Freunde - hinhören und wenn ihnen etwas auffällt, nachfragen. Und das nicht nur ein Mal. Immer mehrmals. Ist das gelungen und öffnet sich das Kind, könne man sich in der Schule dann beispielsweise an einen Vertrauenslehrer oder den Schuldirektor wenden. Das bringe aber nicht immer etwas, denn die Sanktionierungsmöglichkeiten in den Schulen seien begrenzt, führt Zimmerling fort. Selbst bei einem Schulverweis können die Kinder und Jugendlichen über's Internet einfach weiter mobben. Die Lösung für Betroffene könnte dann sein, das Umfeld zu wechseln:

"Dann ist es doch die stärkste Entscheidung zu sagen: 'So - und jetzt bringe ich mich ein Stück in Sicherheit.' Zum Beispiel ein Arbeitsplatzwechsel oder ein Schulwechsel. Ich erleb das immer wieder mal, dass Patienten zu mir sagen, die noch in solchen Situationen arbeiten zum Beispiel: 'Frau Zimmerling, können Sie mir hier in der Klinik beibringen, dass mir das alles egaler wird?' Und manchmal sag ich dann: 'Wissen Sie was? Sie verlangen jetzt von mir, dass ich mit Ihnen eine dicke Hornhaut auf ihrem Rücken antrainiere, damit Sie besser ausgepeitscht werden können.'"

Unterstützt werden Familien dabei auch vom Schulpsychologischen Dienst im Rhein-Kreis Neuss - der bietet zum Beispiel Beratungsgespräche an. Es gibt dann auch noch eine Anlaufstelle bei der Polizei. Die bieten zum Beispiel Vorträge und Informationsveranstaltungen zum Thema Mobbing und Gefahren im Netz für Eltern, Schüler und Lehrer an.

Wichtig sei außerdem ein Raum, in dem Opfer geschützt und offen über ihre Probleme sprechen können, sagt Sabine Zimmerling. Zum Beispiel in Form von Therapie. Auch eine Selbsthilfegruppe kann helfen. Die von Evelyn gegründete Gruppe für Leute, die auf der Arbeit gemobbt werden, trifft sich jeden dritten Montag im Monat im Gruppenraum des Paritätischen, Selbsthilfe-Büro Neuss, Oberstr. 21, 41460 Neuss. Die Teilnahme ist kostenlos.

Eine Idee, was sonst noch helfen könnte: Wenn Leute, die früher mal gemobbt wurden, in die Schulen oder zum Arbeitsplatz gehen und dort über ihre Erfahrungen sprechen.

"Diese Idee ist wahnsinnig mutig, aber in der Tat, glaube ich, das sind Dinge, wo man Menschen mit abholen kann. Also ich kann so viele Fortbildungen, theoretische Fortbildungen zum Thema 'Wie gehe ich mit Mobbing-Betroffenen um?' machen - wenn ich als Betroffener mich dahin setze und sage: 'So war das bei mir', dann wird die Schweigsamkeit schon groß im Raum", so Zimmerling.

Die Lebenshilfe in Neuss macht zum Beispiel auch viel präventiv. Da gehen Experten dann unter anderem in Kitas, um Kinder in Rollenspielen beizubringen, wie sich sich abgrenzen und besser verteidigen können.

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Special: Unser Reporter spricht über seine Mobbing-Zeit

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Unser Reporter Niklas Mimm wurde in seiner Schulzeit gemobbt, weil er schwul ist. Jahrelang wurde er von seinen Mitschülern getreten, beleidigt, bespuckt, einmal wurde ihm ein nackter Hintern ins Gesicht gestreckt. Über diese sehr prägende Zeit spricht er in dem folgenden Beitrag offen mit Psychologin Sabine Zimmerling:

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NE-WS 89.4 | Beitrag zum AnhörenInterview mit Psychologin Sabine Zimmerling
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Anlaufstellen und Hilfsangebote:

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